Kurze Weihnachtsgeschichte zum Vorlesen


Ein ganz besonderer Adventkalender

Lara hatte viele Gründe dafür, warum der Dezember für sie der schönste Monat im ganzen Jahr war. Genau genommen hatte sie sogar jeden Tag dieses Monats einen Grund dafür, zumindest bis zum Weihnachtsfest, denn während dieser Zeit durfte sie gemeinsam mit ihrem Bruder Tom die vierundzwanzig Türchen ihres Adventkalenders öffnen. Allerdings hatten Lara und Tom nie einen ganz gewöhnlichen Adventkalender, indem man so etwas Einfaches wie Schokolade finden konnte, nein, das Öffnen ihrer Türen war von Nummer 1 bis 24 ein ganz besonderes Ereignis.

Lara und Tom bekamen ihren Adventkalender immer von ihrer Großmutter geschenkt, die sie nur einmal im Jahr besuchte. Äußerlich merkte man dem Kalender nicht an, dass er besondere Geschenke beinhaltete, aber hatte man erst herausgefunden wie er funktionierte, war er mehr als originell. Er bestand nicht aus Papier oder Karton, sondern aus einer schmalen Holzplatte, auf deren Vorderseite vierundzwanzig Türchen prangten, die sich durch das Drehen eines winzigen Schlüssels öffnen ließen.

Hinter den Türen befand sich immer ein zusammengefaltetes Stück Papier, das natürlich noch nicht das eigentliche Geschenk war. Das echte Geschenk musste man sich zuerst verdienen und die Papierstücke waren nur ein Hinweis auf dem Weg dorthin. Als die Großmutter Lara und Ben zum ersten Mal mit diesem sonderbaren Adventkalender überrascht hatte, hatten sie ihn nicht verstanden. Lara war mehr als enttäuscht gewesen, als sie in atemloser Spannung die erste Tür geöffnet hatte und dahinter einen Papierfetzen vorgefunden hatte.

Aber mittlerweile wussten die Geschwister die Hinweise zu deuten. Manchmal war der Grundriss ihres Hauses aufgezeichnet und sie mussten an einer markierten Stelle nach einem Geschenk suchen. Oft führten Zeichnungen sie zu einem Geschäft, indem sie etwas abholen mussten oder ihre Großmutter hatte eine Kleinigkeit bei den Nachbarn hinterlegt. Wenn man es sich so recht überlegte, musste sie auf jeden Fall öfter in der Stadt sein, denn der Kalender wirkte sehr durchgeplant.

In diesem Jahr hatte Lara die meisten Türen allein geöffnet. Ihr Bruder war seit Anfang Dezember im Krankenhaus, weil er sich die Nase und ein Bein gebrochen hatte. Obwohl Lara ihn täglich besuchte, damit sie die Hinweise gemeinsam diskutieren konnten, war es nicht dasselbe. Außerdem war ihnen in diesem Jahr ein Geschenk verborgen geblieben, weil sie es nicht geschafft hatten, den Hinweis zu deuten. Am 20. Dezember saßen sie immer noch ratlos vor dem Papier aus Türchen Nummer 17 und wie sie es auch drehten und wendeten, sie schafften es nicht, das Rätsel zu lösen. 18, 19 und 20 waren wieder eine Leichtigkeit gewesen, aber 17 … . „Du hast am 17. Dezember Geburtstag! Es muss für dich sein, hast du irgendwas erwähnt? Überleg doch noch einmal!“ forderte Lara ihren Bruder auf. Beide starrten auf eine Zeichnung, die nicht sonderlich kompliziert war. Ihre Großmutter hatte ein Haus, Bäume und irgendein Tier skizziert.

„Das sagt einfach nichts aus!“ beschwerte sich Tom, während er sich mutlos in die Kissen zurücksinken ließ. Was er sagte, stimmte. Ihr Haus konnte es nicht sein, denn es gab keine Bäume rundherum und ein Tier hatten sie auch keines. „Zeig mir noch mal das Tier“, sagte Lara, obwohl sie sich schon an die hundert Mal vergewissert hatte, dass es weder Hund noch Katze sein konnte. „Vielleicht ist es ja ein Fuchs … “, schlug Tom ratlos vor. Irgendwie ähnelte das Tier tatsächlich einem Fuchs, aber wieso sollte ihre Großmutter einen Fuchs zeichnen? Selbst wenn sie die Absicht hätte, ihnen ein Tier zu schenken, Füchse gab es in keiner einzigen Zoohandlung zu kaufen … . „Wenn wir es bis Weihnachten nicht herausgefunden haben, rufen wir sie an!“ meinte Lara und verabschiedete sich von ihrem Bruder.

Tom wurde am 23. Dezember entlassen und seine Eltern wunderten sich, warum er sich nicht richtig freute, nach so langer Zeit endlich nach Hause zu kommen. Doch Lara verstand ihn. Lara und Tom dekorierten gemeinsam den Weihnachtsbaum und schwiegen dabei missmutig. Irgendwo zwischen glänzenden Kugeln und Lametta lag die Skizze aus Tür Nummer 17. Lara und Tom warfen ihr abwechselnd böse Blicke zu. Morgen, am 24. Dezember, erwartete sie das größte, schönste und teuerste Geschenk, an diesem Tag gab es sogar zwei, für jeden ein eigenes, aber das würde alles nichts helfen, wenn … .
„Komm mit!“ rief Tom plötzlich ohne Vorwarnung und packte seine Schwester am Arm. Er rannte aus dem Haus und zog sie hinter sich her. „Ich weiß es!“

Lara musste sich anstrengen, mit ihm mitzuhalten, denn er rannte und rannte – bis in den Wald. Erstaunlicherweise schien er genau zu wissen, wo es hingehen sollte, denn er lief zielstrebig durch die dichten Fichten auf eine bestimmte Stelle zu. „Ich habe mir ein Schneehaus gewünscht!“ rief Tom glücklich. „Sie hat mir ein Schneehaus gebaut, tief im Wald, dort, wo wir vor Jahren einen Fuchs gesehen haben!“ Plötzlich erinnerte sich Lara an den Spaziergang mit Tom und ihrer Großmutter. Tatsächlich war ein Fuchs an ihnen vorbeigehuscht, alle hatten ihn gesehen und jetzt, Jahre später, hatte ihre Großmutter ihn als Hinweis in ihrem Adventkalender verarbeitet.

„Sieh nur! Es ist wunderschön!“ staunte Tom. Mitten im Wald stand ein kleines, weiß leuchtendes Häuschen aus Schnee und Eis. Toms Geburtstaggeschenk. Ein wunderschönes und einzigartiges Geburtstagsgeschenk. Endlich hatten sie das Rätsel hinter Tür Nummer 17 gelöst. Aber das Warten hatte sich gelohnt. Nur – bis sie das Geschenk ganz auskosten konnten, würden sie noch ein bisschen länger warten müssen, denn auf der Tür stand die Aufschrift „Vorsicht: Weihnachtsüberraschung! Nicht vor dem 24. Dezember betreten!“ Nun wussten sie immerhin schon, wo sie die morgigen Geschenke finden würden.