Kurze Weihnachtsgeschichte


Frau Schneider rettet Weihnachten

Die Zugehfrau war dabei den weihnachtlich dekorierten Kaminsims abzustauben, als ihr Blick in die Asche fiel. Ein weißer Zettel lag dort. Vorsichtig griff Frau Schneider danach, schüttelte den Aschestaub ab und las die Nachricht. „Lieber Weihnachtsmann. Bitte bring mir dieses Jahr keine Geschenke. Lass Papa nur Zeit für mich haben. Deine Lisa.“ Die ältere Frau erhob sich und machte sich auf den Weg zu ihrem Arbeitgeber.

Hektik schlug ihr entgegen, als sie das Büro der Werbefirma betrat. Ihr Chef schrie irgendjemanden am Telefon zusammen. An einem zweiten Schreibtisch wühlte sich ein Mitarbeiter durch einen Stapel Fotos. Ein Fernseher plärrte im Hintergrund, und ihr Chef endete sein Gespräch mit einem „Ich kündige den unfähigen Vollidioten!“. Frau Schneider räusperte sich kurz.

„Entschuldigen Sie die Störung.“ Michael von Wedel blickte auf, dann lächelte er. „Frau Schneider, was kann ich für Sie tun?“ – „Es geht um ein Weihnachtsgeschenk für Lisa“, erwiderte die Zugehfrau und spürte den kleinen Brief in ihrer Hand. „Alles schon erledigt“, tönte ihr Chef und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Sie hat sich nichts gewünscht dieses Jahr, also habe ich ihr ein iPad gekauft. Das neueste Modell, sie wird der Hit in ihrer Klasse sein.“ Stolz blickte er seine Angestellte an. „Lisa hat sich etwas gewünscht“, begann Frau Schneider und hielt den Zettel in die Höhe. „Ich habe das hier im Kamin gefunden.“

Verwundert stand von Wedel auf und griff nach dem geheimen Brief. Er las. Röte schoss ihm ins Gesicht und mit einer kurzen Kopfbewegung schickte er seinen Mitarbeiter aus dem Zimmer. Dann ließ er sich auf einen Sessel fallen und schwieg. „Das iPad war teuer“, sagte er schließlich, fast verteidigend. „Es ist nicht leicht, seit meine Frau…“. Er blickte aus dem Fenster und betrachtete die tanzenden Schneeflocken. Die weißhaarige Frau schwieg.

Plötzlich erschien ein Lächeln auf dem Gesicht des Witwers. „Ich bin hier der Chef, richtig? Also entscheide ich über meine Zeit!“ Er sprang auf, öffnete die Tür zum Flur und rief in die erste Etage: „Ist hier ein wunderschönes Mädchen, das mit ihrem Vater auf den Weihnachtsmarkt gehen will?“ Für ein paar Augenblicke geschah nichts. Dann ertönte ein Juchzen aus der ersten Etage. Ein Mädchen mit braunen Locken flog die Treppe hinunter und landete in den Armen des Vaters. „Ja, ich!“ strahlte sie. Hand in Hand verließen Vater und Tochter das Haus. Leise schloss Frau Schneider die Tür zum Büro. „Fröhliche Weihnachten“, sagte sie und lächelte.