Moderne Weihnachtsgeschichte


Perfekte Weihnachten

In diesem Jahr wird alles perfekt. Da bin ich ganz sicher. Ich habe alles vorbereitet für meine Familie. Lucy bekommt etwas zum Anziehen, am besten einen Gutschein von einem ihrer Lieblingsläden. Das kann sie immer gebrauchen und ich muss nicht mühsam etwas aussuchen. Eine Vierzehnjährige ist ja so kompliziert. Und für Thomas wäre etwas für seine Spielekonsole gut. Ich habe keine Ahnung, was er so spielt, aber er kann sich selbst etwas aussuchen. Das Einfachste ist, ich schenke ihm auch einen Gutschein. Damit ist ihm am meisten gedient – und ich kaufe nichts, das ich dann hinterher umtauschen muss. Das macht nur unnötig Arbeit. Hmm, was mache ich für meinen Mann? Ich glaube, eine neue Digitalkamera wäre gut. Er sagt ja immer, dass ihm seine zu kompliziert ist und sie für wirklich gute Bilder nicht das Richtige ist. Aber bei Kameras gibt es bestimmt viel Auswahl und ich müsste mich ausgiebig beraten lassen. Vielleicht ist am besten, er sucht sich selbst eine Kamera aus: also Gutschein. Meine Eltern und Schwiegereltern kommen auch, aber da mache ich nur eine Kleinigkeit. Alte Leute gehen ja dauernd in die Apotheke. Das ist nicht problematisch, ich besorge einen Gutschein und fertig. So ist es prima, das Thema “Geschenke” ist perfekt abgearbeitet.

Essen. Was mache ich zu essen? Stefan möchte immer Ente. Ohne Ente ist es für ihn kein richtiges Weihnachten, sagt er immer. Und seine Mutter macht eine wunderbare Ente. Das ist natürlich ein kleines Problem, denn ich mag keine Ente und außerdem macht die Zubereitung sehr viel Arbeit. In meiner Familie gab es am Heiligen Abend immer Kartoffelsalat und Würstchen. Weil wir vorher alle in die Kirche gingen. Wir werden zwar sicher nicht in die Kirche gehen, aber es ist auch keinem damit gedient, wenn ich am Feiertag völlig gestresst bin. Ich besorge also Würstchen und Kartoffelsalat. Der Metzger nebenan hat einen guten, da merkt niemand, dass er nicht selbstgemacht ist und ich spare mir die Arbeit. Das wird perfekt.

Weihnachtsbaum. Kugeln und eine Lichterkette habe ich noch, einen neuen Baum brauche ich natürlich. Brauche ich einen Baum? Die Kinder sind ja schon groß und so ein Baum ist eigentlich nur im Weg. Ich werde Zweige nehmen. Im Gästezimmer habe ich noch welche, mit Lichterkette und Kugeln sieht das doch auch weihnachtlich aus. Wunderbar, wieder etwas perfekt erledigt. Die Weihnachtsplanung steht.

Ich weiß gar nicht, was sich die Leute immer für einen Weihnachtsstress machen. Ich habe alles perfekt organisiert. Nicht so wie die Kollegin Lüdtke, die schon seit drei Wochen völlig aus dem Häuschen ist. Dauernd bastelt sie irgendetwas, oder sie backt Kekse, oder sie sucht ein ganz besonderes Geschenk für ihre Kinder oder ihren Mann. Im nächsten Jahr sage ich ihr einmal, wie man Weihnachten perfekt macht.

Das Fest der Liebe ist da. Meine Eltern kamen schon zum Mittagessen. Stefans Eltern sind da etwas rücksichtsvoller und tauchen erst am Nachmittag auf. Sie haben Stollen mitgebracht. Wir essen also Stollen und trinken Kaffee. Und was gibt es Neues? Eine rein rhetorische Frage, denn es gibt immer wieder die alten Geschichten. Ich glaube, alle sind froh, dass mein Vater einen schönen Spaziergang vorschlägt. Wir gehen also durch unsere Siedlung. Es sieht wirklich schön aus. Viele Nachbarn haben Lichterketten in den Gärten, es funkelt. Die Kirche ist hell erleuchtet und sieht irgendwie einladend aus. Aber wir können da jetzt nicht reingehen, sonst wird es zu spät mit der Bescherung. Und sicher will auch keiner von den anderen in den Gottesdienst gehen. Dafür haben wir wirklich keine Zeit. Langsam gehen wir zurück. Unser Haus ist dunkel. Ich schaue erwartungsvoll zu Stefan, er soll endlich aufschließen, mir wird kalt.

Aus, vorbei. Mein perfektes Weihnachten ist erledigt. Stefan hat keinen Schlüssel. Wir stehen mit der versammelten Familie draußen vor dem Haus. Da geht nebenan die Tür auf. Frau Lüdtke sieht uns und fragt: “Ist alles inOrdnung?” Ein bisschen zaghaft frage ich, ob ich telefonieren dürfe, wir hätten den Schlüssel vergessen und ich müsste einen Schlüsseldienst anrufen. “Dann kommen Sie erst einmal rein”, meint Frau Lütdke. “Das geht doch nicht”, antworte ich, “es ist doch Weihnachten”. “Das geht, das geht”, sagt Frau Lütdke, “Sie stören nicht”. Wir gehen also rein und ich sehe sofort, wir stören doch. Hier ist wirklich nichts perfekt. Am Weihnachtsbaum werkeln Herr Lütdke und ein alter Mann, wahrscheinlich ihr Vater. Der Baum ist krumm, die Lichterkette hängt alles andere als akkurat, der meiste Baumschmuck hängt ganz unten. Sieht das denn niemand? Ach so, Frau Lüdtkes Sohn ist wohl dafür verantwortlich, und er ist noch ziemlich klein. Und was ist das überhaupt für Baumschmuck? Strohsterne und kleine Päckchen, auch Glanzpapiergirlanden, alles ist ein bisschen schief. Und warum lächeln sie alle? Sehr merkwürdig. Frau Lüdtkes Tochter kommt aus der Küche. Sie ist gar nicht weihnachtlich angezogen, in ihrem Gesicht ist Mehl und sie trägt einen Teller mit Keksen. Sollen das Sterne sein? Die Form ist jedenfalls nicht perfekt. Aber wir wollen ja nicht unhöflich sein und probieren auch welche. Sie schmecken gut.

Frau Lüdtke kommt mit Kaffee aus der Küche. Und einem Stapel Geschirr und Besteck. “Sie bleiben doch zum Essen?” “Das geht doch nicht”, antworte ich, “es ist doch Weihnachten”. “Das geht, das geht”, sagt Frau Lüdtke, “Sie stören nicht”. Ich gucke zu Stefan. Er werkelt jetzt auch mit am Weihnachtsbaum. Und Thomas hebt den Lüdtke-Jungen hoch und hilft ihm mit den Schmuck. Lucy sitzt kichernd mit der Tochter des Hauses auf dem Sofa. Sie unterhalten sich bestimmt nicht über Kekse, so viel ist klar. Meine Mutter ist weg. Ich finde sie in der Küche, wo sie mit Frau Lüdke Kartoffeln pellt. “Der Salat ist gleich fertig”, ruft Frau Lüdtke. Die Schüssel ist riesig. Und auf dem Herd steht ein Topf mit Würstchen. Unser Weihnachtsessen. Es wird ein bisschen eng am Tisch, aber das ist egal. Das Geschirr passt nicht zusammen, aber das ist erst recht egal. Die Würstchen sind heiß und der Salat ist lecker. Es ist wirklich ein perfektes Essen. Lüdtke Senior erzählt, dass er in jedem Jahr mit seinem Sohn und jetzt auch mit dem Enkel den Baumschmuck selbst macht. Ich schaue den Baum noch einmal an und finde ihn perfekt. Dann steht Lüdtke Senior auf und öffnet ein dickes Buch. Er räuspert sich und beginnt zu lesen: “In jenen Tagen geschah es, dass vom Kaiser Augustus der Befehl erging, dass alle Bewohner des Reiches sich zählen lassen sollen …” Es ist eine alte Geschichte, aber sie macht Weihnachten erst perfekt.