Weihnachtsgeschichte für die Firmenfeier


Wenn das Jahr zu Ende geht und die Tage immer kürzer und dunkler werden, also Mitte August, gibt es in unserer Familie kein Halten mehr. Alles, aber auch alles wird nur noch einem Ziel untergeordnet: Weihnachten.

Die Weihnachtszeit ist die sensibelste Zeit für uns alle. Ein elementares Harmoniebedürfnis, eine Gefühlsduselei, die normalerweise unter Androhung von harten Strafen verboten werden müsste, befällt uns. Die Parole heißt: Weihnachten muss schön werden. Und das bedeutet: ein Fest voller Liebe und Licht, Ruhe und Besinnlichkeit. Und schon geraten wir in eine ungeheuere Hektik. Für dieses Ziel, ein harmonisches Fest begehen zu können, arbeiten wir viel härter als für sämtlichen anderen Belange unseres Daseins, den Broterwerb inbegriffen. Weihnachten geht es um alles. Niemand darf sich schonen, keine Pause darf gemacht werden, keiner darf zurück bleiben, wenn es darum geht, die Weihnachtsvorbereitungen zu treffen.

Wir beginnen, unsere Wohnung mit Holzgegenständen vollzustopfen, mit flügelschlagenden Engeln, finster drein blickenden Nussknackern und putzigen Wichteln. Wir zünden unzählige Kerzen an, wir hängen Sterne an die Zimmerdecke, quälen uns mit dem Anhören von süßlichen Weihnachtsliedern und richten unsere Gesundheit durch den Verzehr von fettigen, kalorienreichen, nahezu unverdaulichen Nahrungsmitteln zugrunde. Aber es zahlt sich aus. Eine tiefe Zufriedenheit benächtigt sich unserer, ein Rauschzustand, der nur durch ein rituelles Handeln wie das unsere erreicht werden kann. Nein, wir schonen uns nicht, um es Weihnachten werden zu lassen. Wir geben alles. Ende November beginnen wir, in gebeugter Haltung durch unsere Stuben zu huschen, um uns dann auf die Ofenbank zu setzen, und mit finsterer Mine lustige Figuren aus Knollenwurzeln zu schnitzen. Andere Familienmitglieder hocken am Küchentisch zusammen und basteln Geschenke für den Rest der Verwandtschaft. Basteln bedeutet, hässliche Gegenstände anzufertigen, die niemand gern haben möchte. Aber diese Erkenntnis hat uns noch nie vom Basteln abhalten können. Keiner weiss, was uns dazu treibt. Oftmals sitzen wir einfach beisammen und bewegen unsere Hände. Wenn sich dieser Vorgang schliesslich als Basteln herausstellt, ist es meistens schon zu spät. Dann stapeln sich Unmengen von destabilen, unansehnlichen Gegenständen in der Mitte des Tisches, und jedem, der sie sieht, läuft bei dem Gedanken, sie geschenkt zu bekommen, ein kalter Schauer über den Rücken. Trotzdem, ohne Basteln wäre Weihnachten nicht Weihnachten, auch wenn es Fabriken voller wunderbarer Maschinen gibt, die das alles viel besser können. Basteln ist eine Beschäftigung, die mit sehr viel Wohlwollen als das ungeschickte Herstellen von unansehnlichen Gegenständen beschrieben werden kann. Zutreffender wäre, sie einen vollkommen sinnentleerten Zeitvertreib zu nennen, der ebenso effektiv ist, wie das Reiben der linken Schulter an einer Blaufichte. Aber wir brauchen es. Ohne Basteln wäre Weihnachten so ein Feiertag wie der erste Mai. Langweilig, öde, emotionslos. Allerdings reicht Basteln allein nicht aus, um das Fest gelingen zu lassen.

Eine großflächige Illumination ist mindestens ebenso wichtig. Noch vor dem ersten Advent begeben sich die kräftigeren, robusteren Familienangehörigen ins Freie, um mit endlosen Lichterketten, phosphoreszierenden Hirschen und blinkenden Sternen den früh herein brechenden Abendstunden einen weihnachtlichen Glanz zu verleihen. Ich begrüße diesen schönen Brauch ausdrücklich und beteilige mich mit kraftstromgespeisten Aggregaten und energiesaugenden Dekorationen an der festlichen Ausschmückung unserer Immobilien.

Haben wir durch diese kräftezehrenden Installationen ein wenig Helligkeit in die Dezemberdunkelheit gebracht, wenden wir uns einem weiteren unverzichtbaren Brauch zu, dem Backen von Weihnachtsgebäck. Kein Weihnachten funktioniert ohne eine solche Backorgie. Wir rollen mit einem Nudelholz Teig aus, stechen mit langsamen, abgehackten Bewegungen Plätzchen aus und schieben diese in den Backofen. Einige Zeit später nehmen wir sie wieder heraus und kauen genauso langsam und abgehackt auf ihnen herum. Überall riecht es nach Zimt, Zuckerguss und Schokolade. Dieser Duft wirkt wie ein starkes Betäubungsmittel. Stark benommen essen wir alles, was nach Weihnachten schmeckt. Vor allem Marzipanwürste, Pfefferkuchen und Schokoladenweihnachtsmänner. Es ist aber auch zu hübsch. Da geht einem das Herz auf. Bisweilen macht sich ein wenig Übelkeit breit breit. Für diesen Fall stehen mehrere Batterien Magenbitter bereit. Weihnachten darf nichts dem Zufall überlassen werden, absolut nichts.

Ganz furchtbar wird es, wenn vor Weihnachten kein Schnee fällt. Alles bis dahin Geleistete ist nun gefährdet. Ohne Schnee rutscht das Stimmungsbarometer in den Keller. Schlechte Laune macht sich breit. Grüne Weihnachten haben schon oft zu Streitereien und Handgreiflichkeiten geführt, die bis ins Frühjahr angehalten haben. Ein großer Teil unserer Familie hat in dieser Zeit die Scheidung eingereicht. Der Anlass sind immer völlig indiskutable Schuldzuweisungen für den fehlenden Schnee gewesen. Schnee muss einfach sein. Der Schnee erzeugt diese einmalige heimelige Athmosphäre. Und erst, wenn Schnee liegt, entfaltet der perfekt angeputzte Weihnachtsbaum seine ganze Wirkung. Der geschmückte Weihnachtsbaum ist die absolute Krönung unserer intensiven Bemühungen um ein perfektes Weihnachtsfest. Mit kiloweise Lametta bedeckt und mit mehreren elektrischen Beleuchtungen, bunten Kugeln, Apfelattrappen und Lebkuchenpferdchen behangen wirkt er wie eine Mischung aus einer Kathedrale und einer Müllhalde. Die Mischung macht es. Der Weihnachtsbaum ist für uns der Inbegriff des Weihnachtsfestes, der Weihnachtsbaum und die Geschenke. Natürlich, die Geschenke dürfen keinesfalls fehlen. Massenhaft Geschenke werden von uns in den Wochen vor dem Fest gekauft. Um Gerechtigkeit walten zu lassen, wiegen wir sie nach Zentnern ab. Jeder soll zur Bescherung gleich bedacht werden. Um Neid und Mißgunst zu vermeiden. Weil es Weihnachten harmonisch zu gehen soll. Dafür muss vorgesorgt werden. Deswegen müssen alle Kräftereserven mobilisiert werden. Da darf man sich keine Pause gönnen.

Eines bleibt mir allerdings unverständlich. Wieso vergeht zu Weihnachten neuerdings die Zeit schneller als im Rest des Jahres? Gab es etwa früher einen Tag, der länger war als Weihnachten? Nein, niemals. Allein die Stunden, die man als Kind auf die Bescherung warten musste, hätten im Normalfall, drei, vier Tage ergeben. Wie langsam schlich die Zeit in diesen Kindertagen, wie bedächtig ging jeder Handgriff, wie träge bewegte sich der Uhrzeiger. Aber heute? Stress, Stress, Stress. Man rennt hier hin und da hin, besorgt dieses und jenes. Am Heiligen Abend sind wir so fertig, so ausgepowert und kaputt, dass wir uns kaum noch auf den Beinen halten können. Wie oft haben wir den Weihnachtsmann mit der Begründung weg geschickt, dass uns sein Besuch gerade heute äußerst ungelegen erscheint. Aber dieses Jahr machen wir alles besser und beginnen mit den Weihnachtsvorbereitungen im Juni. Versprochen.


Die Kommentarfunktion ist geschlossen.