Weihnachtsgeschichte für Geistig Behinderte


Es war einmal ein Engel. Wisst ihr, was ein Engel ist? Engel leben hoch oben im Himmel über den Wolken. Sie haben schöne lange Haare. Sie tragen weiße Kleider. Und auf dem Rücken wachsen ihnen Flügel, mit denen sie fliegen können. Der Engel, von dem ich erzählen will, heißt Daniel. Eigentlich sieht er aus wie ein ganz normaler Junge. Ja, wie ein kleiner netter Junge. Aber er hat das weiße Kleid an. Und ganz lange Haare. Und seine Flügel, mit denen er fliegen kann.

Daniel, der Engel, wohnt in einem Haus aus Wolken. Das ist ein großes Haus, so weiß, wie die Wolken sind. Er wohnt dort zusammen mit ganz vielen anderen Engeln, die von ihrem Haus aus Wolken auf die Erde herunter gucken.

Dort oben im Himmel ist immer schönes Wetter. Nie ist es zu heiß, und nie ist es zu kalt. Dort oben im Himmel hat man auch keinen Hunger. Ganz von alleine sind immer alle satt. Auch durstig ist dort niemand. Engel müssen nichts trinken, sie haben einfach keinen Durst. Engel sind auch nie müde. Sie müssen nicht schlafen, sie sind immer wach.
Sie streiten sich auch nicht, die Engel. Aber sie singen sehr gerne. Oft fliegen sie mit ihren Flügeln um ihre Wolkenhäuser herum und singen wunderschöne Lieder. Dann sind sie glücklich.

Daniel, der kleine Engel, konnte besonders schön singen. Er sang so schön, dass die anderen Engel aufhörten zu singen, damit sie seine Stimme besser hören konnten. Alle Engel hörten auf zu singen, nur um zu hören, wie Daniel sang. Daniel, der kleine Engel, fand es gut, dass alle anderen Engel sein Singen so schön fanden. Er sang und sang und flog dabei hoch über den Wolken umher. Und plötzlich – fiel er herunter. Ja – er fiel aus dem Himmel herunter auf die Erde. Er hatte nämlich vor lauter Singen ganz vergessen, seine Flügel zu bewegen.

Es war dunkel auf der Erde, es war mitten in der Nacht. Auch kalt war es, es war mitten im Winter. Daniel, der Engeljunge, saß am Rande eines Waldes und wusste gar nicht, was passiert war. Zum Glück hatte er sich nicht wehgetan – Engel können sich nicht wehtun. Er fror auch nicht, nein. Aber zum ersten Mal in seinem Leben hatte er etwas Angst. Er fühlte sich allein. Er war allein. Ganz allein am Randes des Waldes. Überall lag dicker weißer Schnee. Und es schneite. Die ganze Zeit schneite es.

Und dann hörte er in der Nähe ein Geräusch. Stimmen hörte er, von Kindern, so kam es ihm vor. Da wunderte er sich. Oben im Himmel gab es auch Kinder. Engelkinder. Er wunderte sich also nicht darüber, dass es hier auf der Erde Kinder gab. Aber im Himmel erzählte man sich oft Geschichten über die Menschen auf der Erde. Deshalb wusste er, dass die Menschenkinder nachts im Bett lagen und schliefen. Er wusste, dass sie nicht spät in der Nacht im Wald sein sollten.

Also stand Daniel, der Engel, auf und suchte nach den Kindern. Da – er konnte sie sehen. Sie standen neben einem Tannenbaum, ein Junge und ein Mädchen. Es war ein ziemlich großer Tannenbaum. Überall lag Schnee. „Was macht ihr hier?“, fragte Daniel, der Engel. Er war vorsichtig näher gekommen. Er lächelte und sprach ganz ruhig, um ihnen keine Angst zu machen. Aber sie hatten sowieso keine Angst. Vor einem Engel muss man ja keine Angst haben. „Wir brauchen einen Weihnachtsbaum!“, sagte der Junge. „Ja, wie brauchen einen Weihnachtsbaum!“, sagte auch das Mädchen. „Morgen ist doch Weihnachten – und wir haben noch keinen!“

Daniel, der Engel, stand nur still da. Weihnachtsbaum? Weihnachten? Er wusste gar nicht, was damit gemeint war.
Da sagte das Mädchen: „Du hast ja Flügel! Bist Du etwa ein Engel?“
„Ja“, sagte Daniel. „Und ihr seid Menschen?“
Da lachten die beiden Kinder. „Natürlich sind wir Menschen!“, riefen sie. Und sie fanden es ganz normal, dass sie mit einem Engel redeten.
„Was ist denn ein Weihnachtsbaum? Wieso braucht ihr so einen Baum“, fragte Daniel. „Ich sehe da nur eine Tanne.“
„Das weißt Du es nicht? Morgen ist doch Weihnachten“, sagte das Mädchen. „Weihnachten, da wurde das Christkind geboren, Jesus, Gottes Sohn. Weihnachten ist wie ein Geburtstag.“
„Ja“, rief der Junge: „Wie ein Geburtstag, bei dem alle Geschenke bekommen! Alle dürfen sich was wünschen!“
„Und weil es mitten im Winter ist, dunkel und kalt, stellen alle einen Weihnachtsbaum auf“, erklärte weiter das Mädchen. „Der ist immer grün und Kerzen kommen dran, die leuchten.“

Daniel, der Engel, staunte. „Jesus hat morgen Geburtstag?“ fragte er. „Das kann doch nicht wahr sein! Wir da oben im Himmel, wir feiern nie Geburtstag. Wir waren einfach irgendwie schon immer da. Ich wusste das gar nicht!“ Er sah sich die kleine Tanne näher an. „Das sieht bestimmt schön aus mit Kerzen“, sagte er.
Der Junge guckte plötzlich traurig. Er sagte: „Eigentlich kaufen die Leute ihre Weihnachtsbäume auf dem Markt. Aber die sind ganz schön teuer. Wir haben nicht so viel Geld.“

„Ja“, sagte das Mädchen. „Unsere Eltern wollen keinen Weihnachtsbaum kaufen. Deshalb sind wir in den Wald gegangen, um selbst einen abzusägen. Das ist eigentlich verboten…“
Der Junge nickte: „Außerdem kann ich ihn nicht absägen, ich schaffe es einfach nicht. Ach – was sollen wir nur tun? Ohne Weihnachtsbaum ist Weihnachten nur halb so schön!“
Daniel dachte nach. Er wollte den Kindern helfen – und er wusste auch schon, wie. „Ich bringe euch jetzt nach Hause“, sagte er. „Eure Eltern machen sich vielleicht Sorgen um euch! Ich verspreche euch: Ihr werdet einen Weihnachtsbaum bekommen!“
Mit der einen Hand fasste er den Jungen, mit der anderen das Mädchen, und dann flog er los. Wie von selbst fand er den Weg. Als er die erstaunten Kinder vor ihrer Haustür absetzte, lehnte an der Wand eine richtig schöne Weihnachtstanne. Ja, Engel können zaubern!

Jetzt wollte Daniel aber schnell wieder zurück in den Himmel. Wie der Wind sauste er los. Vor dem Himmelstor, das verschlossen war, sang er eines seiner Lieder, und sofort wurde ihm aufgemacht. Stellt euch vor, er hatte eine Tanne dabei, einen Weihnachtsbaum von der Erde! Das sollte ein Geschenk für Jesus sein, Gottes Sohn. Zu Weihnachten. Zu seinem Geburtstag! Denn der sollte endlich auch mal im Himmel gefeiert werden!


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