Weihnachtsgeschichte für Leseanfänger


Draußen vor den Fenstern tobt ein Sturm. Der Wind schüttelt die Zweige der Bäume durcheinander. Lena hört den Sturm nicht. Sie liegt in ihrem warmen Bett und träumt. Sie träumt von Weihnachten. Alles ist ganz wunderbar. Da steht der Baum. Lena hat ihn zusammen mit Papa geschmückt. Unter dem Baum liegen viele bunte Pakete. Die Kerzen leuchten. Oma und Opa sitzen auf dem Sofa und strahlen. Und da ist auch Leon. Er wohnt neben Lena und ist ihr bester Freund, schon immer. Und Strolch, Leons kleiner Hund, ist natürlich auch da. Mit der Nase auf dem Boden flitzt er durch das Weihnachtszimmer. Er sucht Krümel. Es müssen Krümel da sein, denn es riecht so gut hier.

Jetzt zündet Papa den „So-gut-wie-Kamin“ an. Der heißt so, weil er kein richtiger Kamin ist. Es ist so ein Ding mit einer Flamme, die wie ein Kaminfeuer aussieht. Und da ist auch Leons Mama. Sie sitzt in dem gemütlichen Ohrensessel und hat die Füße auf den Hocker gelegt. Sie lächelt und sieht glücklich aus. Das tut sie nicht so oft. Eigentlich nur zu Weihnachten. Sonst hat sie viele Sorgen und kaum Zeit zum glücklich sein. Leons Mama muss sich um alles alleine kümmern, weil der Papa von Leon nicht da ist. Warum? Ist halt so, schon immer. Die Traum-Lena sieht sich im Zimmer um. Ein warmes Gefühl erfüllt sie, es ist kaum auszuhalten. Genau das ist Weihnachten. So war es schon immer. Aber Mama fehlt noch! Da öffnet sich die Tür und Mama kommt herein. Sie hält einen Teller mit frischgebackenen Keksen in der Hand und der Duft erfüllt den ganzen Raum. „Fröhliche Weihnachten“, wünscht sie den Gästen.

Das ist kein Traum! Lena ist plötzlich hellwach. Der Plätzchenduft erfüllt ihr Zimmer. Er kommt aus der Küche. Es ist wirklich Weihnachten! Es duftet so süß und schmeckt plötzlich so bitter. Das warme Gefühl verschwindet aus Lenas Bauch. Da ist jetzt ein dicker Trauerkloß. Dieses Jahr freut sich Lena nicht auf Weihnachten. Es wird nicht so sein wie in ihrem Traum.

Sie wohnt nicht mehr neben Leon. Vor einem Monat ist Lenas Familie umgezogen. Der Umzugswagen brauchte fast zwei Stunden bis zu dem neuen Haus. Das neue Haus ist schön und hat einen großen Garten. Aber das ist Lena egal. Papa hat es jetzt nicht mehr so weit bis zu seiner Arbeit. Eigentlich ist es toll, dass er nun mehr Zeit für sie hat. Trotzdem ist Lena wütend auf Mama und Papa. Sie wollte nicht umziehen. Sie vermisst Leon und Strolch. Und Oma und Opa sind auch weit weg.

Lena schleicht in die Küche. Mama sitzt am Tisch und sticht Plätzchen aus. Es ist noch viel Teig da, auch bunte Zuckerstreusel, Schokoladenherzen und gehackte Mandeln. Sonst haben sie immer gemeinsam gebacken und Lena durfte die Plätzchen verzieren, ganz wie es ihr gefiel. Erst letztes Jahr hat Lena ein Ausstechförmchen gekauft, das wie ein Hundeknochen aussieht. So bekam Strolch seine eigenen Kekse, extra ohne Zucker. Doch heute will Lena nicht helfen. Wofür brauchen sie auch so viel Gebäck?

Im Wohnzimmer steht schon der Weihnachtsbaum. Er ist viel größer als sonst, doch das tröstet Lena auch nicht. Wofür brauchen sie so einen großen Baum? Papa schleppt gerade den Karton mit dem Baumschmuck ins Zimmer. Laut pfeift er `Fröhliche Weihnacht überall´ und es klingt ziemlich schief. Doch das stört ihn nicht, er hat prächtige Laune. Das macht Lena noch wütender. Ihren Eltern scheint es ganz egal zu sein, dass dieses Weihnachtsfest so anders wird. Halbherzig hilft sie beim Schmücken. Da fällt ihr eine Kugel aus der Hand und zerbricht. Entsetzt starrt Lena auf den Scherbenhaufen. Das war ihre wunderschöne, mundgeblasene Lieblingskugel! Sie hatte ganz viele silberne und goldene Sprenkel, die wie Sterne glitzerten. Oma hatte sie von ihrer Italienreise aus Venedig mitgebracht.

Weinend läuft Lena in ihr Zimmer und wirft sich auf das Bett. Blödes Weihnachten, sollen es ihre Eltern dieses Jahr doch alleine feiern! Wo sind bloß die Kopfhörer? Lena findet sie unter dem Schreibtisch und setzt sie auf. Sie legt ihre Lieblings-CD ein und drückt die Wiederholungstaste auf dem Abspielgerät. Sie will keinen pfeifenden Papa mehr hören. Ganz fest presst sie sich beide Fäuste gegen die geschlossenen Augen. Sie will auch nichts mehr sehen.

Als ihr jemand auf die Schulter tippt, fährt sie erschrocken hoch. Es ist schon fast dunkel im Zimmer. Neben ihr steht Papa und lächelt sie an. In der Hand hält er das kleine goldene Glöckchen. Wenn es klingelt, dann ist es Zeit für die Bescherung, das war schon immer so. Vorsichtig nimmt Lena die Kopfhörer von den Ohren. Sie fühlt sich ein bisschen benommen. Ihre Wut ist verraucht. Traurig ist sie noch immer und, naja, auch ziemlich hungrig. `Klingeling´, Papa schüttelt die Glocke und reicht Lena die Hand.

Zusammen gehen sie hinunter zum Wohnzimmer. Lena öffnet die Tür und traut ihren Augen nicht. Träumt sie vielleicht wieder? „Fröhliche Weihnachten, liebe Lena!“, wünschen ihr alle zusammen. Da sind Oma und Opa und strahlen sie an. Leons Mama lächelt glücklich, und Strolch springt an Lenas Beinen hoch. Er möchte gestreichelt werden. Dafür lässt er sogar seinen Hundeknochen-Weihnachskeks liegen. Breit grinsend hüpft Leon auf sie zu und umarmt sie ganz fest. Da füllen sich Lenas Augen schon wieder mit Tränen. Doch diesmal weint sie vor lauter Glück. Das ganze Glück passt gar nicht in sie hinein. Verschwommen sieht sie, wie Mama viele Teller mit bunten Plätzchen füllt. Der Baum sieht prächtig aus. Und Papa? Der zündet gerade den Kamin an. Eigentlich ist es toll, dass das neue Haus einen richtigen Kamin hat. Jetzt gibt es zu Weihnachten ein richtiges Feuer. Aber sonst ist es wie immer, und alles ist ganz wunderbar!


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