Weihnachtsgeschichte für alte Menschen

In alten Zeiten wandelte der liebe Gott noch selbst auf der Erde. Besonders zur Weihnachtszeit wollte er mit den Menschen sprechen. Diese erkannten ihn jedoch nicht, da der liebe Gott einfach gekleidet war und nicht gerade als wohlhabend erschien.

Einmal, zur Weihnachtszeit, befand sich der liebe Gott im schönen Schwarzwald. Es war der 24. Dezember und ein eisiger Wind pfiff durch den dunklen Tann. Als sich schon die Dämmerung hernieder senkte, erblickte der liebe Gott ein kleines Dorf. Hier wollte er bleiben. Nun standen sich, gerade am Ortseingang, zwei Häuser gegenüber. Das eine war sehr klein und ärmlich, das andere hingegen schien einer wohlhabenden Familie zu gehören.

Nun wohnte in dem ärmlichen Häuschen ein Bauer mit seiner Frau. Beide hatten eine blinde Tochter. Der Bauer arbeitete hart für den Lebensunterhalt, doch reichte sein Geld gerade aus, um die Familie mit dem Nötigsten zu versorgen. Die Tochter war fromm und gut. Obwohl das Kind noch nie die Sonne gesehen hatte, war es weder mürrisch noch launisch. Das Mädchen hatte eine wunderbare Stimme. An jedem Weihnachtsfeste sang sie in der kleinen Dorfkirche die schönsten Weihnachtslieder. Die Menschen hörten ihr gerne zu und manche sagten: “Wahrhaftig, aus dieser Stimme spricht Gott!”.

In dem schönen Haus nun wohnte ein reicher Bauer mit seiner Frau und einer Tochter. Besonders die Tochter war von einer mürrischen und hochmütigen Natur. Sie grüßte die armen Leute im Dorf nicht, oder lachte nur verächtlich hinter ihnen her. Besonders die blinde Tochter des anderen Bauern verspottete sie, so dass das arme Mädchen oft weinen musste.

Als nun der liebe Gott die beiden Häuser sah, klopfte er zuerst an die Tür des schönen Hauses. Der Bauer öffnete und sah den lieben Gott verwundert an. “Was wollt Ihr hier?”, fragte er mürrisch “Ich bitte Euch, gewährt mir Unterkunft”, sprach da der liebe Gott, “es ist kalt und heute ist doch Heiligabend. Seid mildtätig und lasst mich ein!”

Der Bauer musterte den ungebetenen Gast von oben bis unten. Er vermutete in ihm einen Bettler, da der liebe Gott einfach und schlicht gekleidet war. “Ich kann Dir keine Unterkunft gewähren”, fuhr er den Bittenden an, “soll ich etwa wildfremde Leute bei mir aufnehmen? Du bist ganz gewiss ein Bettler. Schere Dich weg!” Die lauten Worte des hartherzigen Bauern hatten seine Tochter aufmerksam gemacht. Sie kam ebenfalls zur Tür und blickte den lieben Gott höhnisch an. “Du liebe Güte!”, rief sie aus, “das ist ja ein abgerissener und alter Mann! Was hat der für schlechte Kleider an. Oh nein, ich kann ihn nicht ansehen, ich kann ihn nicht ansehen!” Der Bauer warf dem lieben Gott die Tür vor der Nase zu. Drinnen hörte man noch die böse Tochter spöttisch lachen.

Nun ging der liebe Gott zu dem ärmlichen Haus und klopfte an. Der Bauer öffnete ihm und als er den alten Mann sah, der da halb erfroren vor der Türe stand, bot er ihm sofort ein Nachtlager an. Die Frau war gerade dabei, ein einfaches Weihnachtsessen zu kochen.
“Setzt Euch, lieber Gast”, sagte sie mild, “es ist zwar nichts Besonderes, aber wir teilen es gerne mit Euch!”. Auch die blinde Tochter kam herbei und gab dem lieben Gott freundlich die Hand. “Seid willkommen!”, sprach sie und berührte mit ihren Händen sein Gesicht.
“Ihr seid gewiss ein sehr gütiger Mensch”, sprach sie. “Du bist ein liebes Mädchen”, sprach da der liebe Gott, “fürwahr, Du siehst mit Deinem Herzen, was Andere nicht mit ihren Augen sehen!”

Als sie gegessen und getrunken hatten fragte der Bauer seinen Gast: “Wollt Ihr noch mit zur Christmette gehen? Meine Tochter singt jeden Heiligabend in der Kirche. Sie hat so eine schöne Stimme. Ach, kommt doch mit! Ihr würdet uns eine große Ehre erweisen!”
Der liebe Gott willigte gerne ein und so machten sie sich auf den Weg zu der kleinen Kirche. Fast alle Dorfbewohner waren schon versammelt. Auch der reiche Bauer mit seiner Frau und der hochmütigen Tochter waren anwesend. “Na, da kommt ja unsere Nachtigall!”, spottete die Böse, als sie das blinde Mädchen erblickte.

Doch diese sagte nichts darauf und bald begann das Mädchen zu singen. Der liebe Gott war sehr bewegt von diesem wunderschönen Vortrag. Denn obwohl er ja den Gesang der Engel jeden Tag hören konnte, war ihm so eine liebliche Stimme noch nicht vorgekommen.
Als die Christmette vorüber war, wünschten sich die Menschen gegenseitig eine frohe Weihnacht. Der liebe Gott drückte dem blinden Mädchen herzlich die Hand. “Heute Abend habe ich einen Engel singen hören”, sprach er zu ihr, “hab’ vielen Dank dafür!”. Das blinde Mädchen senkte bescheiden den Kopf. Die hochmütige Tochter des reichen Bauern aber machte ihren Spott darüber. “He Alter!”, rief sie gehässig, “Dir hat die blinde Nachtigall mit ihrem Gesang wohl noch den Kopf verdreht? Jetzt schau’ sich einer diesen abgerissenen, alten Kerl an! Ich kann ihn nicht anschauen. Mir wird schlecht bei diesem Anblick! Nein, ich kann ihn nicht anschauen!”. Das sprach der liebe Gott ganz ruhig zu ihr: “Mein liebes Mädchen, das brauchst Du auch bald nicht mehr…”

Nach der Christmette gingen alle nach Hause. Der arme Bauer und seine Frau bereiteten für den lieben Gott eine Schlafstätte und wünschten ihm eine gute Nacht.
Am nächsten Morgen verabschiedete sich der liebe Gott von den armen Leuten und sagte:” Weil Ihr so fromm und freundlich seid, werde ich Euch zum Abschied etwas schenken!”. Da berührte er mit seinen Händen das Gesicht des blinden Mädchens und als es die Augen aufschlug, rief es :”Vater! Mutter! Ich kann sehen!”. Da fielen die armen Leute vor dem lieben Gott nieder und dankten ihm unter Tränen. Nun wußten sie, wer da in ihrem Häuschen übernachtet hatte.

Die hochmütige Tochter des reichen Bauern schlief bis in den hellen Tag hinein. Als sie aber erwachte und nach unten in die Stube gehen wollte, schrie sie entsetzt auf: “Meine Augen! Ich kann nichts mehr sehen! Helft mir! Ich bin blind!” Da half kein Wehklagen und Fluchen, von nun an musste die Hochmütige blind durchs Leben gehen. Die armen Leute aber lebten glücklich und zufrieden.