Weihnachtsgeschichte für Rentner

Karl schaute mürrisch aus dem Fenster. Draußen war alles weiß und schon wieder kamen neue Schneeflocken dazu. Wenn das so weitergeht, dann musste er noch einmal hinaus, um Schnee zu schippen. Das tat er seit diesem Winter für die komplette Nachbarschaft. Was hätte er auch den ganzen Tag tun sollen. Seit August war er in Rente und seither schien ihn keiner mehr zu brauchen. Nicht einmal seine Frau, so kam es Karl vor. Wobei er sich gleich wieder eines Besseren belehrte, das war nämlich ungerecht. Ilse bemühte sich, ihm die Zeit so schön wie möglich zu gestalten, aber sie hatte immerhin noch fünf lange Jahre zu arbeiten. Karl ist zwar kein Kostverächter, aber er ist auch kein Gourmet und so waren selbst seine Leibgerichte sehr schnell zubereitet. Sport war nie sein Ding, außer Fußball am Fernsehen oder mit den Kumpels mal ins Stadion gehen. Eigentlich hatte er gar keine Hobbys. Seine Arbeit, ja die war sein schönstes Hobby gewesen. „Warum darf man nicht so lange arbeiten, wie man will?“ Karl haderte mit Gott und der Welt. Er war fit, er war gesund und er konnte noch leicht jedem Jungen etwas vormachen. Aber nein, Karl hatte bis zum letzten Tag gearbeitet, sogar seinen Urlaub hatte er verfallen lassen. „Urlaub“, so hatte Karl immer gedacht, „wenn ich ohnehin in Rente gehe und das halbe Jahr schon daheim hocke!“.

Die trüben Gedanken wollten heute einfach nicht weichen. Das Weihnachtsfest stand vor der Tür und Ilse war in der Küche und zauberte Weihnachtsgebäck. Es duftete herrlich, aber Karl hatte einfach keine Nase für die Genüsse des Lebens. Plötzlich läutete es an der Türe. Die kleine Dreizimmer-Wohnung war seit Jahren ihr Reich. Haus und Garten hatten Karl nie interessiert, selbst dann nicht als die Kinder noch im Hause waren. „Ja, die Kinder, die sind alle prima gelungen“ und endlich erschien ein Lächeln auf Karls eingefallenem Gesicht. Es läutete wieder, diesmal heftiger und öfter. Karl trabte zur Wohnungstür und öffnete. Draußen stand der Messdiener der kleinen Pfarrei, der sie angehörten. So viel machte sich Karl zwar nicht aus Kirche, aber hin und wieder fand er doch den Weg in den Gottesdienst. Der Mann war ziemlich aufgeregt: „Weihnachten steht vor der Tür und die Krippe in der Kirche muss aufgestellt werden. Die Figuren müssen geputzt und kleine Schäden müssen ausgebessert werden. Herr Huber, der das immer gemacht hat, ist krank und man hat mir Sie empfohlen. Sie wüssten immer Rat und genau, was zu tun ist.“ Karl war sprachlos, als ob er nichts Besseres zu tun hätte als irgendwelche Figuren aufzustellen. Die bittenden Augen des Kirchendieners waren auf ihn gerichtet und Karl musste zumindest vor sich selber zugeben, dass er eben nichts Besseres zu tun hatte. Also tat er, was getan werden musste. Er packte seine Jacke, sagte seiner Frau Bescheid und folgte dem Mann die Treppe hinunter. Der Wind schlug ihm die eisigen Schneeflocken direkt ins Gesicht und Karl bereute, dass er seinen Schal vergessen hatte. Aber zu Kirche war es nicht weit und der Messdiener hatte ohnehin einen schnellen Schritt.

Nach ein paar Minuten waren sie angekommen und sein Begleiter führte ihn in ein kleines Kämmerchen gleich neben der Sakristei. Der Raum war angefüllt mit Kisten und Kartons in verschiedenen Größen. Er versuchte sich zu erinnern, wie die Krippe im letzten Jahr ausgesehen hatte und es gelang ihm zumindest ein vages Bild. Sie war auf alle Fälle sehr groß und er meinte, das Jesuskind vor sich zu sehen. Sein Auftraggeber verließ nach einer kurzen Einweisung das Kämmerchen und Karl war allein. Ruhe breitete sich aus und ob er wollte oder nicht, zum ersten Mal wieder seit langer Zeit fühlte Karl sich selbst und er fühlte sich wohl dabei. Vorsichtig nahm er Karton für Karton und packte eine Figur nach der anderen aus. Die Hirten, die Schafe, die drei heiligen Könige aus dem Morgenland, den Schweifstern, Jesus und Maria und zu guter Letzt das Jesuskind. Er hielt jede einzelne Figur behutsam in den Händen und rieb sie mit einem eigens dafür gedachten Lappen ab. Danach legte er sie auf eine Decke, um sie dann in die Kirche zu transportieren. Inzwischen ist es dunkel geworden und Karl musste abbrechen. Ilse würde sich sonst Sorgen machen. Er löschte das Licht und sperrte ab.

Am nächsten Morgen wachte er ausgeruht auf. Er frühstückte, schäkerte mit seiner Frau und verschwand in Richtung Kirche. Alles war so, wie er es verlassen hatte. Karl war fleißig, das war er schon immer gewesen und innerhalb weniger Tage stand die Krippe in ihrer ganzen Schönheit an ihrem angestammten Platz. Es war Heiliger Abend. Karl hatte tagelang geschuftet. Er hatte den Stall ausgebessert, das Dach neu gedeckt, das Stroh gewechselt und die Beleuchtung neu installiert. Die heilige Szenerie war perfekt. Mit Strom kannte er sich eben aus. Alles war fertig und Karl wartete auf den Pfarrer, der sein Werk begutachten wollte. Karl wurde des Wartens müde und setzte sich in eine Kirchenbank. Das Kind, das bis jetzt ruhig in der Krippe lag, schlug die Augen auf und sein Blick traf Karl mitten ins Herz. „Warum haderst du mit meinem Vater? Für dich gibt es viel zu tun, du musst nur deine Augen öffnen.“ Karl stockte der Atem, vermutlich bildete er sich das nur ein. Die Krippenfiguren waren allesamt aus Holz. Jetzt wurde er langsam verrückt. Das Kind fing erneut an zu sprechen. Dabei rümpfte es sein Näschen, was seinem Anliegen noch mehr Ausdruck verlieh. „Gehe zu den Menschen in deiner Nähe. Sie brauchen deine Hilfe. Kaputte Wasserhähne, defekte Rohrleitungen und ungepflegte Gärten quälen ihre Gedanken. Wer anderen hilft, der hilft sich selbst!“ Damit endete das Kind und lag wieder regungslos in der Krippe. „Aufwachen“, die Stimme des Pastors war deutlich. Karl schreckte hoch. In der Krippe war alles friedlich. Der Pfarrer lobte Karl für sein Werk und für sein handwerkliches Ansinnen in der Zukunft. Bevor Karl die Kirche verließ, blickte er noch einmal in die Krippe und jetzt war er sich ganz sicher. Das zarte Kind in der Krippe hatte ihm lächelnd zugezwinkert.