Weihnachtsgeschichte fürs Altersheim

Das Geschenk

Wie kleine, heimleuchtende Laternen funkeln die Sterne am Himmelszelt. Es scheint, als würde der Schnee, der wie ein weißer Schleier auf dem Boden liegt, den Lichtschein der Sterne in ein wunderschönes Funkeln verwandeln. Ich frage mich, warum die Tage in der Weihnachtszeit immer so etwas Geheimnisvolles und Besinnliches haben. Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, reißt mich eine Kinderstimme aus meinen Gedanken. „Woran denkst du gerade?“ Raphael strahlt mich mit seinen Kinderaugen an. „Ich habe mich gerade gefragt, warum Weihnachten immer so besinnlich ist.“, antworte ich ihm. Raphael nickt und legt seinen Kopf schief. Das macht er immer, wenn er angestrengt nachdenkt. Für seine sieben Jahre finde ich ihn erstaunlich pfiffig. Einen Moment lang ist es still. Dann verraten seine plötzlich groß werdenden Kulleraugen, dass er eine zufriedenstellende Erklärung gefunden hat. „Na, weil es das Fest der Liebe ist. Die Geburt von Jesus hatte für uns eine wichtige Bedeutung. Er hat uns gezeigt, was Liebe und Gerechtigkeit ist. Daran werden wir insbesondere an Weihnachten erinnert.“ Er sieht mich erwartungsvoll an. Ich denke kurz über seine Sätze nach und stimme ihm zu. „Du hast recht. Das könnte es sein.“ Zufrieden mit meiner Antwort steht er auf und eilt in die Küche. Lächelnd, den Kopf schüttelnd, sehe ich ihm hinterher. Auf der einen Seite ist er ein ruhiger, nachdenklicher Junge, auf der anderen Seite ist er stürmisch und voller Elan, und doch immer für einen schlauen Spruch bereit. Ich kenne ihn inzwischen seit drei Jahren und denke gerne daran zurück, wie ich ihn und seine Familie kennenlernte. „Das Essen ist gleich fertig.“, sagt Raphael aus der Küche kommend und setzt sich neben mich. Er schnappt sich einen Buntstift und ein Blatt Papier aus der Mitte des Tisches und beginnt eifrig zu malen. Ich habe ihn in den drei Jahren richtig ins Herz geschlossen, er ist für mich wie ein Enkelkind geworden. Ich selbst hatte nie Kinder, umso mehr ist er für mich etwas ganz Besonderes. Ich möchte euch kurz erzählen, wie ich ihn kennenlernte.

Damals, ein paar Tage vor Weihnachten, stand er wie ein kleiner, blonder Engel plötzlich neben mir. Ich war auf der Suche nach einem neuen Schal und bahnte mir mühsam einen Weg durch die wuselnde Menge auf dem farbenfrohen Weihnachtsmarkt. Weihnachtsmärkte haben für mich trotz der vielen Besucher immer noch etwas Anziehendes. Da mein Mann einige Jahre zuvor gestorben war und viele meiner Freunde inzwischen woanders hingezogen waren, hatte ich die letzten Weihnachten alleine verbracht. Als ich gerade an einem Stand mit Schals stand, tippte mich jemand am Arm an. Ich drehte mich um und sah in das grinsende Gesicht eines etwa vierjährigen Jungen. „Hallo, suchst du auch einen Schal?“, fragte er mich. „Ja, genau. Brauchst du etwa auch einen?“, fragte ich zurück. Er schüttelte mit dem Kopf. „Nein, ich nicht, aber meine Mama. Sie ist da drüben.“ Er zeigte mit seinem Finger auf eine junge Frau, die gerade dabei war, die Weihnachtsbuden zu bewundern. „Und wo ist dein Papa?“, fragte ich ihn. „Er muss arbeiten. Ich heiße übrigens Raphael. Und du?“ Seine direkte und liebenswürdige Art überraschte mich und ich freute mich sehr darüber und stellte ich mich vor. Seine Mutter hatte uns inzwischen entdeckt und kam auf uns zu. Sie begrüßte mich freundlich. „Mama, guck mal, hier gibt es Schals.“ Raphael zupfte ungeduldig an ihrem Ärmel, bis sie sich die Schals anschaute. Währenddessen unterhielt ich mich mit seiner Mutter Annabelle über die Weihnachtszeit. Ich erzählte ihr, dass ich Weihnachten seit einigen Jahren immer alleine verbringe. Daraufhin bot sie mir an, mit ihnen Weihnachten zu feiern. Nach einigem zögern sagte ich zu und Annabelle drückte mir einen Zettel mit ihrer Adresse in die Hand.
Mir war nicht entgangen, dass sie während unseres Gesprächs immer wieder mit einem der Schals geliebäugelt hatte, aber ihr wahrscheinlich zu teuer war. Nachdem wir uns verabschiedet hatten beschloss ich, ihn ihr zu kaufen.

Das war das erste Weihnachten seit langem gewesen, das ich nicht alleine verbrachte. Sie hatten ihr Haus großartig geschmückt und überall leuchteten Lichterketten und brannten Kerzen. Der Abend begann damit, dass Raphael ein kleines Gedicht aufsagte. Ich erinnerte mich, dass meine Schwester und ich auch immer eines aufgesagt hatten und mir wurde warm ums Herz. Wenig später las Annabelle eine Weihnachtsgeschichte vor. Ich glaube, es war die Geschichte eines Tannenbaums. Ben, Raphaels Vater, sang anschließend mit uns Weihnachtslieder. Danach wurde das Weihnachtsessen aufgetischt. Das Essen war köstlich und ich scheute mich nicht davor, mehrmals um Nachschlag zu bitten.

Traditionell werden bei ihnen nach dem Essen die Geschenke ausgepackt. Das Läuten eines Glöckchens verrät, dass nun die unter dem Baum liegenden Geschenke ausgepackt werden dürfen. Genauso hatten wir früher unser Weihnachten gefeiert. Raphael stürzte wortwörtlich ins Wohnzimmer, rappelte sich aber – ohne unser Lachen zu beachten – wieder auf und stürmte zum Weihnachtsbaum. Nachdem er seine Päckchen freudestrahlend ausgepackt hatte, übergab ich den Dreien meine Geschenke. Raphael bekam von mir ein ferngesteuertes Auto, dass er mit heller Aufregung sofort ausprobierte und dabei beinahe den wunderschön geschmückten Weihnachtsbaum zum Wanken gebracht hatte. Annabelle freute sich sehr über den Schal und schien sich nicht genug bedanken zu können, was mich zum Schmunzeln brachte. Ben bekam einen Gutschein für ein Elektronikgeschäft.

Sie hatten auch für mich ein Geschenk. Ich bekam eine edel aussehende Kiste, in der eine prächtige Spieluhr, in Form einer Krippe, lag. Ich zog die Spieluhr auf und es erklang die Melodie von „Kommet, ihr Hirten“. Ich fühlte mich wieder wie kleines Kind, was mit meinen fünfundsiebzig Jahren nicht gerade allzu oft vorkommt. Ich erinnerte mich, dass meine Mutter eine ähnliche Spieluhr besessen hatte. Leider ging sie kaputt und meine Mutter trennte sich schweren Herzens von ihr. Ich war sehr berührt und bedankte mich mehrmals herzlich bei der Familie. Danach setzten wir uns alle zusammen auf die Couch und unterhielten uns bis in den späten Abend hinein.

Seitdem verbringe ich nicht nur jedes Jahr Weihnachten bei ihnen, sondern auch an vielen Wochenenden im Jahr. Wenn ich die Familie mal längere Zeit nicht sehe, vermisse ich sie sehr. Ihre Spieluhr habe ich das ganze Jahr über in meinem Wohnzimmerschrank stehen. So werde ich jeden Tag an die Drei erinnert.

Raphael stupst mich plötzlich an und ich wende mich zu ihm. „Guck mal. Das hab ich für dich gemalt.“ Stolz hält er sein Werk hoch. In der Mitte sind er, seine Eltern und ich abgebildet, neben uns steht ein geschmückter Weihnachtsbaum und lauter Geschenke schweben um uns herum und umrahmen das Bild. „Das ist sehr schön, danke dir, Raphael. Und das, das bin doch ich, oder?“, frage ich ihn und er nickt. „Essen ist fertig!“, tönt es aus der Küche. Wie auf Befehl flitzt Raphael zu seiner Mutter. Wieder sehe ich ihm nach und wieder breitet sich das bekannte Gefühl der Wärme in mir aus, dass diese Familie so oft in mir auslöst. Raphael und seine Eltern haben mir vor drei Jahren weitaus mehr geschenkt, als eine Spieluhr: Eine Familie, von der ich ein Teil sein darf!

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