Weihnachtsgeschichte für Teenager

Anja saß schlecht gelaunt in ihrem Zimmer und dachte über die kommenden Weihnachtsferien nach. Weihnachten war für sie in diesem Jahr eine Horrorvorstellung. An das Christkind glaubte sie schon lange nicht mehr, zumal sie schon als Kind fast nie die Geschenke bekommen hatte, die sie sich eigentlich gewünscht hatte. Ihre beste Freundin Karin war mit ihren Eltern übers Wochenende weggefahren, sonst hätte sie sich da ausheulen können. In eine SMS passten ihre Gedanken und Probleme einfach nicht hinein. In der Schule lief es momentan auch nicht gut. Schuld war nur der neue Englischlehrer, den die Klasse seit Anfang des Schuljahres zweimal in der Woche hatte. Am Fach lag es nicht, Anja war sehr gut in Englisch und auch das lag an dem neuen Lehrer. Wie konnte man nur so gut aussehen und mit so einem charmanten Lächeln die Klasse betreten. Anja war sich sicher, sie hatte sich verliebt. Und jetzt standen 14 Tage Ferien vor der Tür, auf die sie absolut keine Lust hatte.

„Anja, kommst du zum Essen“, hörte sie die Mutter aus der Küche rufen, “es gibt Pfannkuchen.” Anja liebte Pfannkuchen und die Aussicht auf das leckere Gericht besserte ihre Laune merklich. Anjas Mutter war fast immer fröhlich und voller guter Ideen und sie hatte ein Gespür für ihre Tochter. Sie merkte schnell, wenn etwas nicht stimmte. „Was wünschst du dir zu Weihnachten mein Schatz? Papa und ich haben schon über alles Mögliche nachgedacht, konnten uns aber nicht einigen.“ Anja erwiderte das Lächeln ihrer Mutter mit einem gequälten Blick und biss in den Pfannkuchen, den sie kräftig mit Apfelmus bestrichen hatte. „Och, ich bin wunschlos glücklich. Den einzigen Wunsch den ich habe, könnt ihr mir sowieso nicht erfüllen.“ Anjas Augen fingen bei dem Gedanken an ihren Englischlehrer sofort an feucht zu glänzen, aber ihrer Mutter davon erzählen, nein das wollte sie auf keinen Fall. „Na gut, du hast ja noch ein paar Tage Zeit, um nachzudenken. Dir fällt bestimmt etwas ein. Mädchen in deinem Alter haben immer Wünsche.” Anjas Mutter stand auf, sie musste die Unterhaltung mit ihrer Tochter leider abbrechen, weil sie zur Arbeit musste. „Bis später und mache deine Hausaufgaben!“ Die Haustüre fiel ins Schloss.

Anja räumte das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine und beschloss in die Stadt zu gehen. Vielleicht erspähte sie das eine oder andere Weihnachtsgeschenk für Ihre Eltern oder für ihre Freundin, zumindest würde sie auf andere Gedanken kommen. In der Fußgängerzone war viel los und Anja schlenderte ziellos durch die Geschäfte. Plötzlich sah sie ihn Hand in Hand lächelnd mit einer hübschen Blondine um die Ecke biegen. Sie erstarrte und errötete im gleichen Atemzug. „Hallo Anja, was treibt dich in die Stadt?“ Herr Pohl wirkte total entspannt und das Lächeln, das seinen Mund umspielte, war heute noch schöner als Anja es bereits aus der Schule kannte. „Du suchst bestimmt Weihnachtsgeschenke“, vermutete ihr Englischlehrer, der gerade eben so gar nicht wie ein Lehrer aussah, sondern eher wie ein frisch verliebter Junge. Anja beneidete die blonde Frau, die ihr herzlich die Hand hinstreckte. „Ich habe keine Wünsche an das Christkind in diesem Jahr. Ich habe meine Prinzessin gefunden und bin der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt.“ Herr Pohl ließ keinen Blick von seiner Begleiterin und Anja kam sich höchst überflüssig vor, obwohl sie noch kein Wort gesagt hatte. Sie stammelte etwas wie „keine Zeit mehr und eilig“ und rannte davon. Die Tränen liefen ihr in Bächen über die Wangen und irgendwas in ihrem Inneren schmerzte und wollte nicht mehr damit aufhören.

Am nächsten Schultag war gleich in den ersten, beiden Stunden Englischunterricht. Anja fühlte sich unwohl bei dem Gedanken an ihren Lehrer und an die schöne, blonde Frau. Sie selbst war dunkelhaarig, vielleicht lag es daran? Herr Pohl betrat das Klassenzimmer und begrüßte seine Schüler auf sehr sympathische Art und Weise. Mit einem langen Blick auf Anja, die am liebsten unter den Tisch gekrochen wäre, frage er in die Runde: „Was glaubt ihr, was das schönste Geschenk sein wird, das ihr jemals in eurem Leben bekommen werdet?“ Sofort schnalzten etliche Finger in die Höhe. Zwischen einem neuen Handy mit Touchscreen und einer Reise ins Weltall waren wirklich fast alle Teenager-Träume vertreten. Nur Anja sagte nichts. Herr Pohl hörte sich die Wünsche seiner Zöglinge geduldig an. Ab und zu schmunzelte er. Als der letzte Schüler gehört war, stand Herr Pohl auf und schrieb an die Tafel: Das schönste Geschenk, das ein Mensch dir machen kann, ist dir seine Zeit zu schenken. Das schönste Geschenk, das der Himmel dir machen kann, ist die Liebe. Beides kann man nicht kaufen und nicht erringen. Beides wird einem geschenkt.

In der Klasse war es ruhig geworden. Alle sahen ihren Lehrer unverwandt an, auch wenn sie die Tragweite der geschriebenen Worte noch nicht ermessen konnten. In Anja legte sich nach und nach der Sturm. Sie hatte verstanden. Eines Tages, wenn sie älter war, dann würde Ihr das Schönste aller Geschenke bestimmt auch begegnen. Weihnachten war gerettet und Anja freute sich auf die stille Zeit, die sie mit ihren Eltern und Freunden verbringen durfte.

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