Weihnachtsgeschichte zum Nachdenken

Evas Wunschzettel

Mox war gerade dabei Tee aufzusetzen, als er glaubte, ein seltsames Geräusch vor seinem Fenster zu hören. In den letzten Tagen war ihm das schon öfter passiert und natürlich war die Tatsache, dass Geräusche von außen nach innen drangen nicht ungewöhnlich, aber Mox wunderte sich trotzdem. Er lebte nun schon seit Jahren hier und konnte alle Geräusche, die im Umkreis seines Hauses zu vernehmen waren, zuordnen. Er wusste, ob das Unterholz knarrte, ob der Wind die Fenster erzittern ließ und er kannte jeglichen Lärm, den sein Hund verursachte, wenn er sich im Freien aufhielt.

Mox lebte mitten im Wald und soweit er wusste, war er der einzige Mensch weit und breit, der diese Lebensform bevorzugte. Natürlich hieß Mox nicht wirklich Mox, aber schon in der Schule hatten ihn seine Freunde so genannt. Seine Schulzeit lag mittlerweile lange zurück, so lange, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte, aber die Leute nannten ihn immer noch Mox.

Mox rührte in einer Tasse Tee und starrte ins Feuer. Er versuchte, an nichts zu denken und das merkwürdige Geräusch zu vergessen. Mox hatte an nichts zu denken lange trainiert, aber es funktionierte nicht richtig. Das Prasseln des Feuers beruhigte ihn zwar, aber trotzdem schossen ihm die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Gestern war Stella mit dem Weihnachtswunschzettel seiner Enkeltochter Eva bei ihm aufgetaucht und er konnte nicht aufhören an diese Liste zu denken. Er hatte noch nie etwas so Absurdes gesehen. Eva gab er keine Schuld, sie war ein achtjähriges Kind und einer Achtjährigen konnte man nichts vorwerfen, auch nicht, wenn sie bedenkliche Listen verfasste.

Stella war eine entfernte Verwandte von Mox und bevor sie Evas Erziehung übernommen hatte, hatte Mox sie gar nicht gekannt. Als seine Tochter gestorben war, hätte er sich gern um seine Enkelin gekümmert, aber das Gericht hatte das nicht zugelassen. Eva wurde Stella anvertraut, einer steinreichen Frau, die plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war. Aber sie hatte eine große Menge Geld, wohingegen Mox nur eine kleine Menge Geld hatte und somit war die Sache entschieden.

Stella hatte Eva verzogen. Sie war ein verwöhntes, eingebildetes, arrogantes Kind geworden und wenn sie nicht seine Enkelin gewesen wäre, hätte Mox sie verabscheut. Eva war Stellas kleines Ebenbild geworden, was hieß, dass sie sich unmöglich benahm. Kopfschüttelnd setzte Mox seine Teetasse ab und sah sich noch einmal die Liste an. Sie war eineinhalb Meter lang. In platzsparenden, dichtgedrängten Buchstaben hatte Eva ihre Weihnachtswünsche notiert. Bei den meisten Dingen hatte Mox nicht die geringste Vorstellung davon, was diese überhaupt sein sollten. Sachen wie Fernseher, Computer und Puppenhaus verstand er – aber diese Dinge gehörten noch zu ihren bescheideneren Wünschen. Soweit er wusste, hatte Eva bereits mehrere Fernseher und er glaubte auch einen Computer gesehen zu haben, als er das letzte Mal in ihrem Zimmer (das größer war, als sein gesamtes Haus) gewesen war. Ein Puppenhaus hatte er ihr sogar selbst geschnitzt, aber das war ihr nun anscheinend nicht mehr gut genug, denn laut Liste wollte sie jetzt eines mit vergoldeten Türen. Kurzentschlossen zerknüllte Mox die schwachsinnige Liste und warf sie ins Feuer. Dann ging er zum Fenster, riss es auf und brüllte die wüstesten Flüche die ihm einfielen in die stille Nacht hinaus. Wer auch immer sich vor seinem Fenster herumtrieb, das würde ihn wohl verschreckt haben.

Am nächsten Tag war Mox so schlecht gelaunt wie schon lange nicht mehr. Obwohl er Evas Wunschzettel verbrannt hatte, machte dieser ihm immer noch zu schaffen. Evas Worte hatten sich nicht in Rauch aufgelöst, er sah sie noch vor sich, denn sie hatten sich in sein Hirn eingebrannt. Er wusste, dass er etwas unternehmen musste, aber es war schwierig. Stella hatte mehr Macht als er und wenn er zu viel riskierte, erreichte er damit vielleicht nur, dass er Eva gar nicht mehr sehen durfte … .

Mox konnte nicht weiterdenken, denn das Geräusch am Fenster störte seine Überlegungen. Heute machte es ihn wütender als sonst und er fand außerdem, dass der richtige Zeitpunkt, den Verursacher zur Rede zu stellen, genau jetzt war. Bis heute hatte er es immer nur gehört, wenn es schon dämmrig oder ganz dunkel war, aber nun störte es ihn auch noch am helllichten Tag, dieses Knarren und Scharren vor seinem Fenster. Mox kochte vor Zorn, als er das vereiste Fenster nicht gleich aufbrachte und als es ihm letztendlich gelang, verschlug es ihm die vor Staunen die Sprache.

Er hatte mit allen möglichen Übeltätern gerechnet, mit einer streunenden Katze vielleicht, die ihm bisher nicht aufgefallen war, mit Einbrechern (möglicherweise gab es ja Leute, die sich selbst in einer Waldhütte materielle Reichtümer erhofften) oder auch damit, dass Stella ihn von Detektiven überwachen ließ. Doch die Gestalt, die nun durch den tiefen Schnee davonrannte, ähnelte weder einem Spion, noch einem Einbrecher und am allerwenigsten einer Katze. Es war ein kleines Mädchen mit wehendem hellbraunen Haar und einem roten Mantel. Es war Eva. Mox konnte sich nicht entscheiden ob er eher wütend oder doch überrascht war. Und ein bisschen freute er sich auch.

Unschlüssig schloss er das Fenster und setzte sich. Er war so erschöpft, als hätte er den ganzen Tag Schnee geschaufelt. Seine Enkelin kam zu ihm. Allein. Ohne Stella. Aber vielleicht steckte Stella dahinter? Es war denkbar, dass sie das Mädchen schickte, um ihn zu beobachten. Doch im Grunde war das lächerlich. Er wusste, dass Stella ihn nicht mochte und er wusste, dass sie immer noch hoffte, er möge aus irgendeinem Grund für immer aus ihrem Leben verschwinden. Sie hatte versucht, ihn ins Gefängnis zu bringen, aber man hatte ihm nichts Verbotenes nachweisen können. In einer Waldhütte zu leben war zwar merkwürdig, aber erlaubt. Er hatte die Hütte und den Grund legal gekauft und man hatte ihm nichts vorwerfen können.

Eva kam erst am Abend des 23. Dezembers wieder. Erstaunlicherweise klopfte sie an die Tür. Mox war überrascht als er sie sah.  Normalerweise war sie blass und sie sah immer irgendwie krank und traurig aus, aber heute glühten ihre Wangen. Ihre Haare waren nicht ordentlich gekämmt und ihr Mantel hatte Löcher. Sie sah aus, als hätte sie mit anderen Kindern gespielt und sich dabei den Mantel zerrissen, aber Mox wusste, dass das nicht stimmen konnte, denn Eva durfte nicht mit anderen Kindern spielen. „Ich habe ein Weihnachtsgeschenk für dich!“ sagte Eva und strahlte ihn an. Mox lächelte zurück und ließ sie herein.

„Weiß denn Stella davon?“ war die erste Frage, die ihm einfiel und er bereute es sofort, sie gestellt zu haben. Eva ging nicht auf seine Frage ein. „Mach dein Geschenk auf!“ befahl sie und hielt ihm ein hübsches, mit goldenen Schleifen verziertes Päckchen unter die Nase. Mox gehorchte und während er Schleifen und Papier löste, sagte er: „Ich habe heuer kein Weihnachtsgeschenk für dich!“ Eigentlich hätte Eva wütend oder enttäuscht sein müssen, aber sie wirkte noch immer ausgesprochen fröhlich und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich habe gesehen, dass du meine Wunschliste verbrannt hast und ich habe so sehr gehofft, dass du mir nichts davon schenkst. Stella hat mir die Liste diktiert. Ich bekomme immer alles, was ich mir wünsche oder mir wünschen soll und das ist so langweilig! Ich würde viel lieber überrascht werden!“ Leider hatte Mox auch kein Überraschungsgeschenk für Eva. Er hatte sich vorgenommen, ihr wirklich nichts zu schenken, damit sie über ihr Verhalten nachdachte und jetzt sah er, dass das gar nicht nötig war.

Plötzlich wurde ihm klar, dass er Eva überhaupt nicht kannte. Seit sie bei Stella lebte, hatte er sie nie alleine getroffen. Sie war gar nicht wie Stella, sie fügte sich nur Stellas Vorstellungen, um sie nicht zu enttäuschen.

„Wie findest du sie?“ fragte Eva gespannt. Mox hielt mehrere Sterne in seiner Hand. Sie waren aus leichtem Holz, das mit Kastaniensplittern verziert war und wirkten nicht ganz gleichmäßig. In jeder Sternspitze lief in kindlichen Buchstaben der Schriftzug „Fröhliche Weihnachten“ zusammen. „Hast du die selbst gebastelt?“ fragte Mox ohne das Mädchen anzusehen. „Ja, ich dachte, du freust dich, weil … na ja … du mir immer so schöne Sachen geschnitzt hast. Ich weiß, sie sind nicht perfekt … “, antwortete Eva verlegen. Mox drehte die Sterne vorsichtig in seiner Hand. „Sie sind wunderschön! Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich je bekommen habe!“ sagte Mox sofort.

„Das ist das Erste, was ich überhaupt selbstgemacht habe! Normalerweise kaufen wir immer alles, aber ich habe nichts gefunden, was zu dir passt und so habe ich mich jeden Abend rausgeschlichen und bin zu deinem Haus gegangen. Ich habe gehofft, mir fällt etwas ein, wenn ich dein Zuhause sehe. Dort ist mir aufgefallen, dass du viele Fenster hast, aber keine Dekoration und dann musste ich an weihnachtliche Sterne denken, die deine alten, vereisten Fenster fröhlicher machen. Aber du musst sie nicht aufhängen, wenn sie dir nicht gefallen!“ erklärte Eva atemlos. „Natürlich hänge ich sie auf! Du hast dir sehr viel Mühe gegeben, das sieht man, das ist wirklich eine schöne Arbeit, Eva!“ lobte Mox.

Eva blieb eine Weile, Mox kochte Kakao und sie unterhielten sich und lachten gemeinsam. Erst als Mox sie fragte, was sie denn Stella zu Weihnachten schenke, wurde Eva plötzlich ernst. „Ich habe auch für sie etwas Selbstgemachtes, aber ich denke, das war ein Fehler. Es gefällt ihr wahrscheinlich nicht“, meinte sie. „Sie wird sich bestimmt freuen!“ tröstete Mox. „Ich weiß nicht, sie freut sich eigentlich nie“, entgegnete Eva nachdenklich.

Mox ging nicht weiter darauf ein. Er hatte verstanden, dass Eva nicht zu ihm kam, um über Stella zu reden. Sie war seinetwegen hier. „Weißt du, … ich würde gerne so schöne Figuren schnitzen können, wie du – Elefanten, Hunde, Katzen und ein Nashorn! Könntest du mir beibringen wie man ein Nashorn schnitzt?“ fragte Eva während sie ihren Blick durch den Raum schweifen ließ, indem Mox einige seiner holzgeschnitzten Figuren aufgestellt hatte. „Natürlich, Nashörner sind meine Spezialität!“ antwortete Mox. „Das wäre ein schönes Weihnachtsgeschenk für mich!“ sagte Eva überzeugt. Mox lächelte. „Na ja, Nashörner sind nicht unbedingt weihnachtlich, aber-“ „Es geht mir nicht um die Nashörner!“ unterbrach Eva. „Es geht darum, dass du mir das Schnitzen beibringst! Ich besuche dich und du zeigst mir, wie das geht. So sehen wir uns auch öfter!“

Mox wollte gar nicht darüber nachdenken, was Stella von dieser Idee halten würde. Und irgendwie hatte er das Gefühl, dass Eva es ihr gegenüber nicht erwähnen würde. Er wusste, dass es nicht ganz stimmte, aber er entschied für sich, dass es eine Sache zwischen Eva und Stella war aus der er sich raushalten musste. „Wir können einen ganzen Zoo schnitzen, wenn du willst“, sagte er zu seiner Enkelin. „Es dauert bestimmt lange, bis wir einen ganzen Zoo fertig haben“, überlegte Eva und trank ihren Kakao aus. „Ja, du wirst mich oft besuchen müssen“, bestätigte Mox.

Drei Tage später fingen sie an, das Nashorn zu schnitzen.

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