Nikolausgeschichte für Erwachsene

Svenja musste los. Der örtliche Weihnachtsmarkt öffnete in einer Stunde seine Pforten. Sie sah in den Spiegel und musste schmunzeln. Als Nikolaus machte sie sich gar nicht so schlecht. Zumindest ist ihr die Maskerade ganz gut gelungen und sie hoffte, dass der aufgeklebte, lange Bart halten würde. Ihre langen, blonden Haare hatte sie unter der Nikolausmütze zusammengebunden, so dass keiner auf den ersten Blick erkennen konnte, dass sie ein weiblicher Nikolaus war. Die Eventagentur, bei der sie sich beworben hatte, um ihr Gehalt ein wenig aufzubessern, suchte in der Weihnachtszeit laufend Weihnachtsmänner. Der Nikolaus war begehrt. Er verteilte Geschenke auf Betriebsfeiern, belustigte die Kinder in Kaufhäusern oder flanierte mit einem großen Sack voller Süßigkeiten über den weihnachtlichen Markt und genau das war heute Svenjas Aufgabe. „Mama, müssen wir schon gehen? Du siehst ulkig aus“, kommentierte ihr fünfjähriger Sohn Benjamin ihr Outfit. Liebevoll drückte sie ihn an sich. „Ja, ich bringe dich bei Oma vorbei und hole dich morgen wieder ab.“ Benjamin verzog den Mund schmollte ein wenig: „Ich will auch auf den Weihnachtsmarkt!“ Svenja seufzte: „Ja, ich weiß, wir gehen am Sonntag, da habe ich frei und wir kaufen uns eine riesengroße Zuckerwatte.“ Das zog und Benjamin war fürs Erste zufrieden.

Seit dem tödlichen Unfall von Benjamins Vater vor drei Jahren waren Svenja und er alleine. Am Anfang war alles richtig schwierig und beide, Mutter und Sohn, konnten nur schwer mit dem Verlust zurechtkommen. Doch dank der Hilfe ihrer Mutter und ihrer besten Freundin Sabine kam wieder etwas Normalität in den Alltag und mittlerweile hatte Svenja ihr Leben einigermaßen im Griff. Sie vermisste Klaus zwar immer noch, aber es gab Momente da wünschte sie, sie könnte sich neu verlieben. Mit ihren 30 Jahren war sie einfach noch zu jung, um alleine zu bleiben und für Benjamin wäre ein Mann in der Familie auch nicht schlecht. Für den Moment verwarf sie diesen Gedanken wieder. Sie hatte keine Zeit für derlei Träume. Sie parkte ihr Auto und zog den schweren Sack, den ihr die Agentur mitgegeben hatte, aus dem Kofferraum. Es war kalt und es sah so aus, als ob es bald schneien wollte. Das Nikolauskostüm hatte einen Vorteil, es hielt wunderbar warm.
Es war erst Nachmittag, aber auf dem Weihnachtsmarkt waren jede Menge Leute unterwegs. Svenja schlenderte durch die Buden und verteilte ihren Sackinhalt großzügig an die Kinder.

Einige Kinder waren fast zutraulich und gingen ohne Angst auf den Nikolaus zu, andere wiederum versteckten sich hinter ihren Eltern und wollten keinen Schritt näher kommen. Svenja konnte gut mit Kindern umgehen und so gelang es ihr, selbst die Allerängstlichsten für sich zu gewinnen. Nach einer Stunde hatte sie zwar schon viele Süßigkeiten verschenkt, aber der Sack war nicht wirklich leichter geworden. „Mir scheint, Sie brauchen einen Knecht Rupprecht!“ Svenja drehte sich um. Die sympathische Stimme hinter ihr passte perfekt zu den sanften, braunen Augen, die sie belustigt anblickten. „Geben Sie mir den Sack, wir werden Sie ein Stück begleiten.“ Jetzt erst sah Svenja das kleine Mädchen an der Hand des Mannes, der ihr auf Anhieb gefiel. „Oh nein danke, das geht schon“, stammelte Svenja, die von ihrer eigenen Verwirrung überrascht war. „Es macht mir wirklich nichts aus, einem so charmanten Nikolaus zu Diensten zu sein“, konterte der Mann mit einem verschmitzten Lächeln. Svenja wunderte sich gerade noch, warum der Typ sie trotz ihrer guten Verkleidung als weiblich einstufte, da bemerkte sie, dass der lange Bart total verrutscht war und ihr Gesicht völlig frei gab.

Verlegen nestelte Svenja an der Attrappe, gab aber gleich wieder auf, weil der Bart partout nicht mehr kleben wollte. „Jetzt siehst du viel hübscher aus, meine Mama war auch so hübsch wie du“, bemerkte das Mädchen an der Hand ihres Vater, so wie Svenja vermutete. „Verzeihen Sie, das ist typisch für Lisa. Sie sagt immer, was sie denkt. Jetzt schleppe ich Ihren Sack ein Stückchen weiter und dann müssen wir uns beeilen. Lisas Großeltern warten und ich muss mich für heute Abend noch vorbereiten. Wir sind schon spät dran.“ Svenja bedauerte fast, dass die Begegnung so kurz war, sagte aber nichts und verabschiedete sich ebenfalls. Sie war müde und bereitete sich schon gedanklich auf den Abend vor, denn da hatte sie noch einen Auftritt auf einer betrieblichen Weihnachtsfeier. Sie musste den Bart neu drapieren und die Geschenke für die Mitarbeiter, die sie verteilen sollte, kurz vor der Feier noch im Betrieb abholen. Svenja war froh, dass ihr Erscheinen gleich nach der Begrüßung geplant war, dann war sie früh zuhause. Morgen war Sonntag. Benjamin konnte bei Oma bleiben und morgen würde sie mit ihm wie versprochen auf den Weihnachtsmarkt gehen.

Gehetzt erreichte Svenja das weihnachtlich, geschmückte Casino der Firma. Die Chefsekretärin hatte ihr freundlicherweise geholfen, die Päckchen in ihrem Sack zu verstauen. Der Redner verließ soeben die Bühne und kam auf sie zu. Ein Weihnachtslied ertönte aus dem Lautsprecher. Svenja bekam weiche Knie. Der Mann, der da in ihre Richtung lief, war ihr Helfer von heute Nachmittag. Svenja hielt die Luft an. „Ob er sie erkannte?“ Nach der halben Wegstrecke hielt Oliver inne: „Irgendetwas an dem Weihnachtsmann kam ihm vertraut vor und seine Gedanken wanderten wie von selbst zurück auf den Weihnachtsmarkt. Ja, sie war es!“ Oliver war sich ganz sicher und noch etwas wusste er ganz sicher, diesmal würde er seine Weihnachtsfrau nicht so einfach wieder gehen lassen. Er war bei Svenja angelangt, die ihn regungslos mit ihrem Sack in der Hand, aber mit leuchtenden Augen anschaute. „Übrigens, ich heiße Oliver und bin verantwortlich dafür, dass meine Mitarbeiter pünktlich ihre Geschenke bekommen.“ In seinem Blick lag so viel Wärme, dass Svenja unter der warmen Nikolauskutte förmlich dahinschmolz. Sie gab ihm die Hand. „Svenja“, stellte sie sich vor und strahlte ihn derart an, dass der Bart dabei aus ihrem Gesicht rutschte. Aber das war jetzt nicht mehr wichtig!

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