Weihnachtsmärchen für Kinder

In einer großen Stadt lebte einmal ein reicher Kaufmann. Er hatte eine Frau und einen Sohn von 10 Jahren. Dieser hieß Konrad. Er war ein schöner Knabe aber sein Herz war stolz und hochmütig. Der reiche Kaufmann bedachte seine Familie mit vielen Geschenken. Vor allem Konrad wurde wie ein Prinz verwöhnt. Besonders zu Weihnachten bekam er zahlreiche Gaben. Doch war er den meisten nach kurzer Zeit bereits überdrüssig. Trotzdem wollte er nichts an andere Kinder verschenken. So wurde er immer eigensüchtiger.

Konrad aber wusste nichts von der Armut anderer Kinder, welche in seiner Stadt lebten. Er kannte nicht die kleine Lisbeth, welche seit ihrer Geburt krank war und zumeist das Bett hüten musste. Auch Peter, der Sohn des Lumpensammlers, war ihm fremd. Der arme Knabe half seinem Vater fleißig bei der Arbeit. Trotzdem gab es oft Prügel und Peter musste meist hungrig einschlafen. Dem kleinen Amadeus waren Mutter und Vater gestorben. So lebte er nun bei seiner Großmutter. Die alte Frau nähte bei Tag und Nacht um ihren Enkel und sich wenigstens notdürftig ernähren zu können.

Von all dem hatte Konrad keine Ahnung. Als wieder einmal das Weihnachtsfest gekommen war, lagen viele Geschenke für den Jungen unterm Weihnachtsbaum. Darunter befanden sich ein Nussknacker, zehn Zinnsoldaten und ein Gesangsbuch mit herrlichen Bildern. Doch dem Knaben missfielen diese Dinge.

„Ach, wie hässlich ist dieser Nussknacker!“, rief er aus, „und erst diese grässlichen Zinnsoldaten! Pfui!“
Das Gesangsbuch warf er in die Ecke.
„Was soll ich mit so einem langweiligen Buch!“, zeterte er.
Der Kaufmann wurde wütend.

„Du undankbares Kind!“, rief er böse, „Du gehst jetzt sofort auf Dein Zimmer! Was gäben andere Kinder für all diese Geschenke! Geh zu Bett, ich will Dich heute nicht mehr sehen!“
Konrad stampfte wütend mit dem Fuß auf die Erde und rannte hinauf in sein Zimmer. Er weinte aus Wut und Trotz. Hastig zog er sich um und schlüpfte in sein Bett.

Es war kurz vor Mitternacht, als Konrad erwachte. Erschrocken sah er sich im Raum um, denn er war nicht mehr allein im Zimmer. Da saß auf der Fensterbank ein Junge, der wohl im gleichen Alter wie er sein mochte.
„Wer bist Du?“, rief Konrad beklommen, „und wie kommst Du in mein Zimmer?“
Der Junge auf der Fensterbank blickte Konrad lange an.
„Ich bin ein Engel“, sprach er, „schon lange beobachte ich Dich. Du bist heute Abend wieder sehr undankbar gegenüber Deinen Eltern gewesen!“
„Was geht’s Dich an?“, zischte Konrad böse.
„Du hast keine Ahnung von dem Elend anderer Kinder“, sprach da der Engel, „nur deshalb bist Du hartherzig und verwöhnt. Doch ich werde Dir heute Nacht etwas zeigen!“

Damit ging er zu Konrads Bett und nahm ihn im Handumdrehen auf seine Schultern.
„Und nun halte Dich gut fest“, sprach der Engel.
Da flog er mit Konrad zum Fenster und in die Nacht hinaus. Hui, wie pfiff der Wind den Beiden um die Ohren! Die Lichter der großen Stadt glänzten zu ihnen herauf. Der Engel flog mit Konrad zu dem Häuschen, in welchem das Waisenkind Amadeus mit seiner Großmutter wohnte. Obwohl es schon sehr spät war, nähte die alte Frau noch in der Stube. Der Engel betrat mit Konrad nun die kleine Kammer, in welcher Amadeus schlief. Der Knabe war sehr mager und blass. Dennoch umspielte ein Lächeln die Züge des Jungen. Da hob der Engel einen Arm und plötzlich hielt er Konrads Nussknacker in der Hand. Er legte diesen auf Amadeus‘ Bett.
„He, das ist meiner“, rief Konrad empört.
„Dir hat er nicht gefallen“, sprach da der Engel, „aber für den kleinen Amadeus wird es das schönste Geschenk seines Lebens sein. Und nun werde ich ihn aufwecken“.
„Er wird erschrecken, wenn er uns sieht“, meinte Konrad.
„Nein, er kann uns nicht sehen“, meinte der Engel, „nur den Nussknacker wird er wahrnehmen“.
Damit strich er dem kleinen Amadeus sanft übers Haar. Als der Junge erwachte, sah er neben sich den schönen Nussknacker liegen.
„Großmutter! Großmutter!“, rief der Junge, „schau‘ doch was ich hier habe!“
Und als die Großmutter in die kleine Kammer trat, sah sie ihren seligen Enkel, welcher fest seinen Nussknacker im Arm hielt. Da faltete sie nur stumm die Hände…

Nun flog der Engel mit Konrad zur kleinen Lisbeth. Das kranke Mädchen hatte sehr unruhig geschlafen und die Mutter wachte schon lange an ihrem Bett. Nun war sie erschöpft eingeschlafen. Der Engel legte dem Mädchen das Gesangsbuch mit den schönen Bildern auf ihr Lager. Dann weckte er die kleine Kranke ebenfalls sanft auf. Als Lisbeth erwachte und das schöne Buch sah, musste sie weinen. Ihre Mutter erwachte, und als sie ihr Kind weinend mit dem Buch im Arm sah, sagte sie nur leise :“Es geschehen noch Wunder…“
Dann umarmte sie ihr Kind und sang ihm das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ aus dem Buche vor.
Konrad war es warm ums Herz geworden. Am liebsten hätte er die kleine Lisbeth auch umarmt. Statt dessen sagte er leise und beschämt zum Engel: „Die Zinnsoldaten sollten wir jetzt aber auch noch verschenken“.
Da lächelte der Engel und sie flogen zu Peter, dem Sohn des Lumpensammlers. Auch dieser freute sich so sehr über das Geschenk, dass er den Vater aufweckte.
„Vater! Sieh‘ doch! So schöne Zinnsoldaten!“. Und der rauhe Mann nahm seinen Sohn in die Arme und sprach zum ersten Mal seit langem ein Gebet.

Danach flog der Engel mit Konrad zurück. Als der Knabe wieder in seinem Zimmer war, musste er weinen. Er umarmte den Engel.
„Ich danke Dir für alles!“, schluchzte er, „ich habe nie gewusst, wie gut ich es habe!“
Da küsste der Engel Konrads Stirn.
„Kommst Du nächstes Jahr wieder zu mir?“, fragte Konrad zaghaft, „ach, bitte!“
Da sprach der Engel: „Das kann ich nicht. Du hast ein gutes Herz, doch ich musste es Dir erst zeigen. Meine Aufgabe ist damit erfüllt. Doch eines Tages, wenn auch Du in den Himmel kommst, werden wir uns bestimmt wieder sehen“.
Fortan war Konrad gütig, hilfsbereit und mitfühlend. Und er dachte sehr oft an „seinen“ Engel. Irgendwann würden sie sich gewiss wieder begegnen…

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